"Das Nullsummenspiel"


- ein Essay von André "Fluppi" Rauer -


Vor einigen Wochen bekam ich die Nachricht von Mortal Void, dass er sein Nebenprojekt namens Krankheitssymptom gerne als freien Download zur Verfügung stellen wolle. Gerade um mehr Aufmerksamkeit für sein umfangreiches Musikschaffen zu finden. Ohne Zweifel ist Mortal Void einer derjenigen Musiker, die sich fest in der finsteren Musiklandschaft verankert haben und in meinen Augen sehr gute Anlagen mitbringt. So entgegnete ich ihm, dass bei einem freien Downloaddas Problem entstehe, dass man sich die Datei zwar auf den Rechner zieht, auch reinhört, aber dann doch irgendwo in den Weiten der großen Festplatte verschwinden könne. Ein physikalischer Release bietet meiner Ansicht nach auch in 100 Jahren die bessere Möglichkeit der Archivierung. Selbstverständlich kostet die Herstellung auch den einen oder anderen EUR und so stehe ich auf dem Standpunkt, dass man nicht um des Geldes wegen, sondern um des Engagements für Musik zumindest einen kleinen Obolus bezahlen sollte. Was macht man nun? CD gegen ein wenig Geld oder kostenlosen Download? Das Ergebnis ist bekannt. Wäre ich das Projekt Krankheitssymptom, so stellt sich mir die Frage, was bringt mir das? Mehr Feedback? Mehr Aufmerksamkeit? Habe ich beides nicht schon? Meiner Ansicht nach liegt aber genau darin das Problem. Viele Bands bieten kostenlose Downloadsingles/alben und ähnliches an. Ob eine Band namens Pandique im Jahre 2004 oder Krankheitssymptom anno 2008. Die Quintessenz ist immer die gleiche. Es herrscht für den Musikinteressierten ein Überangebot. Ergo: Wo ein Überangebot ist, da ist die Nachfrage gering. Eingehend auf die Fragestellung nach dem Wunsch von mehr Feedback, mehr Aufmerksamkeit und dem ernüchternden Ergebnis der sinkenden Nachfrage ist Krankheitssymptom genau die richtige Antwort auf das seltsame Phänomen der sinkenden Absätze in der Musikbranche.

Stefan Herwig sagte einmal:
„Wir als Musikschaffende haben es im Gegensatz zur Filmindustrie versäumt,
dem Konsumenten klarzumachen, welche Arbeit dahinter steckt.“


Ergänzend zu dieser Aussage erklärt er:
„Sieht man den Trailer zum aktuellen Kinofilm, dann wir jedem klar,
dass da ein Kameramann steht, dass Regie geführt wird,
dass die Beleuchtung stimmen muss, das Ambiente passen sollte
und das Gesamtwerk mit dem Trailer so vermarktet wird.“



Wo sieht man es bei der Musikindustrie? Steht irgendwo etwas, wie viele Stunden Arbeit der Produzent nur alleine
mit dem Abmischen verbracht hat? Wo und welches teure Equipment er genutzt hat? Dass Verwertungsgesellschaften
ca. 15% vom Ladennettopreis für sich haben wollen, aber sie seit Jahren sich die Bohne um das „Spreaden“ kümmern?

Ja, Krankheitssymptom beschreibt eine kränkelnde Gesellschaft und ist somit der ideale Original Soundtrack dafür.
Problem ist nur, dass man lieber die Augen zu macht, als wie Mortal Void/Krankheitssymptom, Stefan Herwig
und Codeline Records auf die klaffende Wunde aufmerksam zu machen. Ist ja auch uncool zu jammern.
Wie viele Social Communities wie Vampirefreaks, Last.fm, Myspace und Co verträgt die Welt?
Überangebot pur... Weltenkollaps, alles bricht zusammen! Das ist mein Highlight auf Nullsummenspiel.
Dennoch überzeugen mich nur die ersten beiden Tracks zum wiederholten Anspielen.
Dafür aber sind sie umso passender ;)

Fluppi

PS... deutsche Texte und Samples sind bei Nullsummenspiel übrigens eine Wohltat. Danke!

Das Interview

1. Hallo Tobi. Nullsummenspiel - Nicht nur mir scheint dieser Titel absolut zu passen, sonst hättest du ihn nicht gewählt. Doch wie bist du darauf gekommen?

1. Hi André! Auf den Titel bin ich ursprünglich gekommen, als ich ein Buch von Paul Watzlawick las. Das Buch heißt "Vom Schlechten des Guten". Darin wird erklärt, dass es viele Situationen im Leben gibt, in denen der Sieg eines Menschen gleichbedeutend mit der Niederlage eines anderen ist. Gewinn gleicht sich mit Verlust aus. Als treffendes Beispiel wurde das Tauziehen genannt. Ein Team gewinnt, ein Team verliert. Dies trifft aber längst nicht immer im Leben zu und dennoch gibt es Leute, die alles dafür tun würden, jegliche Situation auf ein Nummsummenspiel herunterzubrechen. Schwarz-Weiß-Denker. Das muss nicht immer schlecht sein, denn das Simplifizieren der Probleme ermöglicht manchmal das leichtere Finden einer Lösung - manchmal hingegen verkompliziert man das Problem jedoch nur. Das zu unterscheiden und richtig zu handeln - sich überhaupt bewusst zu werden, was richtig und was falsch ist - darin liegt die Herausforderung.

2. Warum willst du wie in der beiliegenden Textinfo angedroht KS einstampfen? Liegt das an meinen Ratschlag sich besser nur auf eine Sache zu konzentrieren oder soll
KS als eine Art Mahnmal an einen Abwärtstrend erinnern?

2. Weder noch. Es ist nur so, dass ich nun 4 Jahre gebraucht habe, um genügend Material für ein Album, dazu noch ein eher kurzes, zusammen zu bekommen. Zudem fällt es mir sehr viel schwerer, für Krankheitssymptom Texte zu schreiben, denn diesen liegen meist spezielle Situationen zugrunde. Wenn diese Situationen also nicht auftreten, wird es keine Texte geben, folglich auch keine Musik. Voraussagen kann ich das natürlich nicht, aber momentan gehe ich nicht davon aus, dass ich in absehbarer Zeit genügend Input für ein weiteres Release bekommen werde. Ich bin auch recht froh, dass schon lange Zeit geplante "Nullsummenspiel" endlich abgeschlossen zu haben - mir fällt sozusagen ein Stein vom Herzen. Für mich persönlich ein wichtiger Schritt.

3. Du wirkst auf deinen Bandfotos von MV sehr jung. Aus unserem persönlichen Treffen in Hamburg weiß ich, dass du ein Hühne bist und schon einige Jahre Musik machst. Doch wie alt bist du wirklich und wo siehst du dich musikalisch in 10 Jahren?

3. Ich bin 1985 geboren und somit mittlerweile 24 Jahre alt. Leider kann heutzutage im Musik-Business niemand so genau sagen, wo er in 10 Jahren stehen wird - nicht mal etablierte Bands. Mein persönlicher Wunsch wäre es, mich zu etablieren und eine gewisse Fan-Base zu schaffen, die meine Musik mag und schätzt.

4. Was verändert sich bei MV durch das "auf Eis legen" von KS? Veränderst du überhaupt etwas? Nimmst du dich kritischer Stimmen an, oder bleibst du deinem Stil treu?

4. Da ich KS nie einen Großteil meiner Zeit gewidmet habe, außer vielleicht jetzt in der Endphase von "Nullsummenspiel", wird sich nicht viel verändern. Es wird sicherlich passieren, dass ich die ein oder andere Idee, die ich so direkt KS zugeschrieben hätte, versuchen werde bei MV zu integrieren - allerdings nur wenn es Sinn macht. Ich habe mir jedoch keine konkreten Veränderungen vorgenommen. Geben wird es sie sicher trotzdem, bewusst oder unbewusst. Ob das jedoch letztendlich wirklich darauf zurückzuführen ist, dass ich KS auf Eis gelegt habe, ist fraglich. Kritischen Stimmen lausche ich stets interessiert, ich bin jedoch niemand, der sich gleich zu jedem angebrachten Kritikpunkt schuldig bekennt sondern stimme erst mit mir selbst ab, ob die Kritik gerechtfertigt ist oder ob dem etwas anderes zugrunde liegt.

5. Mein Review zu Nullsummenspiel ist etwas entartet. Kannst du dennoch damit leben und wie siehst du die Dinge?

5. Ich kann damit sehr gut leben, auch wenn ich es eher als Essay, denn als Review klassifizieren würde. Es beinhaltet viele Aspekte, zu denen ich mir natürlich auch schon Gedanken gemacht habe. Auch wenn ich für mich nicht immer die gleichen Schlüsse gezogen habe. Das Essay regt jedoch zum Denken an und das ist positiv zu bewerten. Wohin das Denken dann führt, muss jeder Leser für sich entscheiden. ;)


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